Die Halbmarathonvorbereitung lief im Großen und Ganzen gut, doch zehn Tage vor dem Wettkampf ist aus dem schon seit Wochen bestehenden nervigen Ziepen ein penetranter Dauerschmerz geworden, der sich nicht mehr so leicht ignorieren lässt. Der Verstand weiß, dass 21 Kilometer im Bestzeitmodus nicht die glorreichste Idee sind, aber das Herz will einen Strich unter die langersehnte Mission machen. Was bleibt? Für viele nur eins: Zähne zusammenbeißen und Schmerzmittel.

Eine Herangehensweise, für die ich als leidenschaftlicher Sportler durchaus Verständnis aufbringen kann. Allerdings weiß ich auch, wann es besser ist nicht an den Start zu gehen. Ich bin keiner von den Ärzten, die vor einem wichtigen Rennen sofort „Laufpause“ schreien, wenn der Schuh etwas drückt. Viele meiden den Arztbesuch, weil sie genau dieses oft beschriebene Szenario befürchten. Aber auch bei mir schrillen die Alarmglocken, wenn ich spüre, dass ein Athlet seine Gesundheit für einen einzigen Wettkampf aufs Spiel setzt.

Viele Probleme lassen sich in der harten Zeit vor dem Wettkampf nicht wegwünschen und sollten unbedingt angegangen werden. Manche sind so schwerwiegend, dass der Gedanke an einen Start ohne Wenn und Aber über Bord geworfen werden sollte. Das Aufzählen aller Verletzungen würde den Rahmen sprengen. Ich möchte hier die häufigsten Beschwerden thematisieren:

Starker Muskelkater
Sieh ihn nicht als Schmerz, sondern als Belohnung für dein hartes Training. Dein Körper zeigt dir, dass er noch mit dem Pensum der Belastung überfordert ist. Nichtsdestotrotz solltest du die Sache des Muskelschmerzes nicht sich selbst überlassen: Passives Training ist die Behandlung der Wahl. Ausgiebige Bäder in Salzwasser sind ein probates Mittel zur Verringerung des Säuregehalts im Körper. Das klassische Ausrollen mit einer Schaumrolle hilft, die Muskelfaszie zu vergrößern, während die bewährte Massage den Stoffwechsel anregt – das alles hilft, die Überlastungsgrenze und das Trainingslimit deines Körpers weiter nach hinten zu verschieben. Mit deiner Ernährung kannst du ebenfalls gegensteuern: Wer sich größtenteils basisch ernährt, kann aktiv der Übersäuerung des Körpers entgegenwirken und so die schmerzhafte Phase verringern.

Schmerzen im Kniebereich
Sie sind in jedem Fall detaillierter abzuklären. Meist ist es das klassische Läuferknie (Runner’s Knee). Durch die Reibung des Iliotibialen Bandes (IT-Band) über dem prominenten Außenrand des Kniegelenkes kommt es zu Reizungen der Sehnenplatte und angrenzenden Weichteilen. Eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit, die mittels Physiotherapie, Schmerzmedikamenten, Kinesio Taping und sogar mit Hilfe von Infiltrationen kurz vor dem Wettkampf gut behandelt werden kann. Oft rühren die Beschwerden auch von einer Problematik im Hüftbereich her. Ob dies nun von Ermüdung und Überbelastungen der Stabilisatoren des Beckens ausgeht, Entzündungsreaktionen am Schleimbeutel oder tatsächlich Problemen an diesem zentralen Gelenk dahinterstecken: Du solltest dich besser heute als morgen in Behandlung begeben. Die Chancen, dass schnell eine langfristig gute Lösung gefunden wird, stehen gut.

Schmerzen in den Füßen
Läufer haben ziemlich oft Beschwerden an den Füßen. Nicht immer sind sie so leicht erkenn- und behandelbar wie beispielsweise Spannungsblasen. Wenn es sich um dumpfe Schmerzen in der Tiefe handelt, sollte unbedingt ein Sportmediziner zurate gezogen werden. Ermüdungsfrakturen ereignen sich manchmal schneller als gedacht. Sie benötigen eine sofortige Abklärung mittels bildgebender Diagnostik, am besten durch eine Kernspintomographie. Bestätigt sich der Verdacht, hilft nur eins: ausheilen lassen durch Ruhigstellung. Richtig, denk gar nicht erst daran, in den nächsten Tagen einen Halbmarathon zu laufen!

Schmerzen im Schienbein
In meiner Zeit als ärztlicher Betreuer der adidas Runners und der RUNBASE Berlin zeigt sich das mediale Tibiavorderkantensyndrom (Shin Splints) als eine der häufigsten Verletzungen, die einen schweren Einschnitt in die Wettkampfvorbereitung darstellen. Bei fortschreitendem Verlauf sind die Schmerzen bereits nach 2-3 Kilometern nicht mehr tolerierbar und machen das Fortführen des Trainings unmöglich. Dabei ist der Grund für diese laufspezifische Verletzung meist nicht nur in der Region um die Schienbeinkante lokalisiert. Ursächlich ist häufig ein Mischbild aus fehlender Stabilität im Rumpf und der Lauftechnik. Hier bleibt nur noch die Möglichkeit, fürs erste aufs Lauftraining zu verzichten und zum Beispiel auf Schwimmen oder Radfahren auszuweichen. Du weißt doch selbst: Nichts ist frustrierender, als am Tage des Wettkampfes nach kurzer Strecke aufgeben zu müssen.

Oft ist es sinnvoller, den Schwerpunkt auf die Ursachenforschung zu legen und sich adäquat und umfassend auf den nächsten Wettkampf vorzubereiten. Setz dabei immer auf die Expertise eines Orthopäden oder Arztes mit sportmedizinischer Spezialisierung. In diesem Sinne: Auf eine tolle, gesunde Vorbereitung und einen erinnerungswürdigen Halbmarathon in Berlin!

Euer Pouri.