Ich bin noch keinen Marathon gelaufen, habe mir aber sagen lassen, dass man auf der Reise jenseits der 10-Kilometer-Komfortzone bis hin zu KM 42 nicht nur eine große körperliche Entwicklung durchmacht, sondern auch eine Menge über sich und seine Persönlichkeit lernt. Manch einer will auf dieser Reise sogar zu sich selbst gefunden haben. Ich kann da noch nicht mitreden, aber in Gesprächen ist mir aufgefallen, dass bewusstseinserweiterndes Laufen und Religion einige Parallelen aufweisen. Man stolpert über den Sinn des Lebens, hier werden Berge versetzt. Reine Glaubenssache? Wohl kaum. Sport bildet Charakter, sagt man. Ich meine Sport offenbart ihn. Nicht immer fühle ich mich geneigt, diese Herausforderung anzunehmen.

Genau genommen gibt es für mich zwei Gründe, einem trainierenden Marathonläufer aus dem Weg zu gehen. 1. Ich bringe ihn nicht um wertvolle Sekunden seines angestrebten Trainingsziels. 2. Ich befinde mich in meinem „Ab Montag wird alles anders“-Prokrastinationsprogramm und verdammt, es ist Montag. Die vorbei joggende Person ist mein Gewissen in Turnschuhen. Ich schaue mir die sich jeglichen Witterungs- und Modeerscheinungen widersetzenden Split Shorts ganz genau an. Der Anblick provoziert mich. Ein Hauch von Nichts, dessen Träger eine rasende Metapher für die vielen ungenutzten Möglichkeiten in meinem Leben sind. Oder, um mal konkret zu werden, ein Reminder an mein Marathon-Projekt von 2013, das schneller aufgeschoben war als die zur Auswahl stehenden Energy-Gels verköstigt.

Ich sinniere weiter. Es ist doch so, Menschen, mit den langweiligsten Bürojobs, kaum wahrgenommene Sesselpupser, schreiben mit dem einzigen Überqueren der Ziellinie bei einem Rennen Erfolgsgeschichten. Pfeif auf die Zielzeit, Menschen, die nicht laufen, können Zeiten und Parameter wie 3:36, sub4, 4.25 oder „Hauptsache ankommen“ sowieso nicht auseinander halten. Sie sehen nur eine Zahl: 42,195. Kilometer! Alter, wie krass ist das denn? Wer einen Marathon läuft, hat so viel gewonnen, dass er niemanden mehr etwas beweisen muss.

Der Blick auf eine Person verändert sich in dem Moment, in dem die Marathon-Ziellinie passiert wird, ist es euch schon mal aufgefallen? Das kann eine grenzüberschreitende Erfahrung für alle Beobachter sein, insbesondere die Zweifler. Genau jetzt schlägt das Gespött über den frisch geschiedenen Familienvater in der Midlife-Crisis, der die Mittagspause plötzlich zum Laufen statt zum Rumglucken mit den Kollegen nutzt, in heimliche Bewunderung um. Respekt. Und Neid. Endstation Kaffeemaschine versus Überholspur. Kaffeesatzpoesie trifft auf wahre Errungenschaften. Vom Tellerwäscher zum Millionär – dieses Märchen wird im Laufsport täglich gelebt. Jeder kennt sie, die Couch Potato, die zum Marathon Finisher wurde. Okay, ich habe wieder Blut geleckt.

Nächsten Montag geht’s los.