An einem grauen Nachmittag wurden am vergangenen Freitag Grenzen überwunden – und das ausgerechnet bei einem Rennen hinter Mauern. In der „Plötze“ fand der zweite Lauf für Gefangene statt, den unter anderem Berlin-Marathon-Gründer Horst Milde ins Leben gerufen hat (von ihm stammen auch die Fotos aus diesem Beitrag). Dass Inhaftierte einen großen Gewinn durch den Laufsport erfahren, wundert mich nicht. Beim Laufen kann man ein einzigartiges Gefühl der grenzenlosen Freiheit erleben; im Gehirn werden Prozesse in Gang gesetzt, die uns mit einem Wohlgefühl durchfluten, die wie ein Klarspüler über Probleme fließen und Lösungen plötzlich ersichtlich werden lassen. Pläne schmieden, Konflikte lösen, Gedanken schweifen lassen und Frust abbauen, all das geht leichter, wenn man läuft. Vier Member aus unserer Community waren mutig und neugierig genug, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, im Knast mit Gefangenen zu laufen. Benny fand es zeitweise durchaus „unheimlich und gruselig“, hat aber zu meinem Erstaunen während des Laufs gar nicht mehr darüber nachgedacht, warum hier wer hinter Gittern gelandet ist. Er möchte im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein, genau so wie Axel, der im Folgenden ganz genau schildert, wie der Lauf hinter Mauern war. 

So war der Lauf für Gefangene in der JVA Plötzensee

Laufen können wir überall, heute auf den Straßen Berlins, morgen in den Wäldern Brandenburgs, übermorgen am Ostseestrand. Auch die Tages- (oder Nacht-) Zeit spielt keine Rolle. Laufen können wir allein oder in der Gruppe. Keine Sportart bietet uns so viele Freiheiten wie das Laufen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass nicht jeder die Möglichkeit hat, unseren Sport so zu erleben. Ganz besonders bewusst wurde mir das am vergangenen Freitag, bei einer der wohl ungewöhnlichsten Laufveranstaltungen Berlins. 

Rund 20 Läufer trafen sich an einem eher speziellen Ort, der altehrwürdigen Pforte der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin, unweit des Flughafens Tegel. Der Anlaß: Zum zweiten Mal wurde der Berliner 10km-Lauf für Gefangene ausgetragen. Wie schon bei der Premiere des Laufes im Vorjahr waren einige wenige externe Läufer eingeladen, mit den Gefangenen gemeinsam zu laufen. Vier Mitglieder von #boostberlin wollten sich diese seltene Grenzerfahrung nicht entgehen lassen: Anne, Benny und Christopher waren meinem Aufruf gefolgt – mit gemischten Gefühlen betraten wir mit den anderen Läufern sowie einigen externen Helfern das denkmalgeschützte Torhaus der Haftanstalt. Im Inneren waren zwei Sicherheitsschleusen zu passieren, anschliessend wurden mitgenommene Handys sowie die Personalausweise eingesammelt. Diese sollten wir später beim Verlassen der JVA zurückbekommen.

Nun blieb etwas Zeit, sich umzuschauen: Die alten Backsteingemäuer des schon 1879 errichteten Haupthauses wirken bedrohlich und einschüchternd, die Doppelrollen NATO-Draht auf der Gefängnismauer dürften jeden derartigen Fluchtgedanken im Keim ersticken. Entlang dieser Mauern hatten die Veranstalter des Gefängnislaufes, Berlin-Marathon-Gründer Horst Milde und der Leiter des JVA-Sozialdienstes, Reinhold Röcher, den zehnmal zu laufenden 1.000m-Rundkurs markiert. Vieles war dann auch wie bei einer „normalen“ Laufveranstaltung: Startnummernausgabe, die Uhr für die Zeitnahme, Verpflegungsstände (von der Gefängnisküche reichhaltig ausgestattet), selbst eine Band hatte ihre Instrumente im Start- und Ziel-Bereich aufgebaut.

„Auf einen Startschuss wurde aus gegebenem Anlass verzichtet.“

Kurze Zeit, nachdem wir unsere Startnummern übernommen hatten, wurden in mehreren Gruppen die Gefangenen herangeführt. Sie waren teilweise vorher von den anderen Berliner Haftanstalten in die Plötze gefahren worden. Nachdem auch sie ihre Startnummern erhalten hatten (im Gegensatz zu unseren weißen Startnummern waren ihre Nummern rot), sammelten sich alle rund 65 Läufer gemeinsam am Start. Auf einen Startschuss wurde aus gegebenem Anlass verzichtet, stattdessen wurde ein Countdown herunter gezählt. Ungewohnt, aber nicht unerwartet: Auf Publikum mussten wir weitestgehend verzichten. Lediglich einige Justizangestellte standen an der Strecke, feuerten aber „ihre“ Häftlinge auch munter an. Überhaupt war die Stimmung erstaunlich locker, es kam während des Rennens auch immer wieder mal zu kurzen Gesprächen mit den Gefangenen, die sich sichtlich über die Auflockerung ihres Alltags freuten.

„Irgendwie waren wir dann doch froh, als wir wieder draußen waren.“

Im Ziel gab es dann auch die üblichen High Fives, es wurden dabei keine Unterschiede zwischen Gefangenen und externen Läufern gemacht. Bei der abschließenden Siegerehrung erhielten die besten Läufer der Gefangenen Urkunden, Pokale und Sachpreise. Insbesondere die adidas-Jacken des Berlin-Marathons waren heiß begehrt. Für uns externe Läufer gab es zur Erinnerung Urkunden. Anne hatte die Strecke auf dem winkligen und nicht ganz einfachen Kurs im Jailhouse sogar mit ihrer persönliche Bestzeit gerockt.

Schon kurze Zeit nach der Siegerehrung ging es für uns zurück in die Freiheit. Irgendwie waren wir dann doch froh, als wir wieder draußen waren. Aber genauso sicher waren wir uns auch: Im nächsten Jahr sind wir wieder dabei.

Danke für den Bericht, Axel.

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Christoper
Gruppe 1

Fotos: Horst Milde